Ab 8. März im Kino
„Ein wundervoller Film
über alles, was wichtig ist.“
VARIETY
„LUCKY feiert das Leben.“
FAZ
„Witzig, lakonisch und
erfüllt von bärbeißiger Romantik.“
PROGRAMMKINO.DE
„Eine kluge und wehmütige Liebes-
erklärung von einem bemerkenswerten
Schauspieler an einen anderen.“
INDIEWIRE

Lucky ist ein 90-jähriger Eigenbrötler, Atheist und Freigeist. Er lebt in einem verschlafenen Wüstenstädtchen im amerikanischen Nirgendwo und verbringt seine Tage mit bewährten Ritualen – Yoga und Eiskaffee am Morgen, philosophische Gespräche bei Bloody Mary am Abend. Bis er sich nach einem kleinen Unfall seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Zeit dem Leben noch einmal auf den Zahn zu fühlen.

Voller lakonischem Humor und Country-Song-Melancholie ist LUCKY eine rührende Hommage an den Hauptdarsteller Harry Dean Stanton, gespickt mit liebenswert, skurrilen Nebenfiguren (u. a. gespielt von David Lynch). Vor der weiten amerikanischen Landschaft inszeniert Schauspieler John Carroll Lynch in seinem Regiedebüt einen poetischen Film, der das Leben feiert.

Warum Harry Dean Stanton Kult ist

„Nichts ist für die Ewigkeit.“
Harry Dean Stanton

Ganz am Ende von THE STRAIGHT STORY, nach zweistündiger Reise durch das Hinterland Nordamerikas, kommt der von Richard Farnsworth gespielte Endsiebziger Alvin an seinem Ziel an. Er ist auf seinem Rasenmäher in Iowa aufgebrochen, um nach Wisconsin zu fahren. Dort lebt sein Bruder Lyle, der krank sein soll und mit dem Alvin seit Jahren kein Wort mehr gesprochen hat. Er will Verpasstes nachholen, Zerbrochenes wieder richten, bevor es zu spät ist. Bis zu dieser letzten Szene hat man den Bruder nicht gesehen. Man weiß nicht, ob Alvin ihn vorfinden wird, ob Lyle überhaupt noch lebt und wenn ja, wie er reagieren wird. Und dann ist Alvin am Ziel und sieht die kleine Hütte seines Bruders. Er ruft Lyles Namen und kann nicht fassen, dass er tatsächlich eine Antwort erhält. Jetzt sehen wir Lyle zum ersten Mal. Er wird von Harry Dean Stanton gespielt. Anders als wir hat er Alvin nicht auf seiner unglaublichen Reise begleitet, kann er unmöglich wissen, was der alte und gebrechliche Mann alles durchgemacht hat, um seinem Bruder wieder nahe sein zu können. Die beiden Männer sitzen nebeneinander auf der Veranda und Lyle wirft nur einen kurzen Blick auf den Rasenmäher. Und in seinem Gesicht spielt sich in zwei Sekunden der komplette Film noch einmal ab. In diesem kurzen Augenblick gelingt es Harry Dean Stanton, mit zwei oder drei Sätzen und ansonsten nur mit seinen Augen, alles zu erzählen, was man wissen muss.

Ein ganzer Film in einem traurigen, wehmütigen Blick. Diese Art von Schauspieler war Harry Dean Stanton, der am 15. September 2017 im Alter von 91 Jahren gestorben ist und der in LUCKY nicht einfach nur ein letztes Mal groß aufspielt, sondern in einem Film alles noch einmal zusammenfasst, was ihn seine gesamte Karriere über geprägt und ausgezeichnet hat. Man solle es ganz nüchtern einfach nur Sterben nennen, meint LUCKY-Regisseur John Carroll Lynch, weil Harry Dean Stanton es genauso nüchtern empfunden habe. Er mochte es nicht, Dinge nicht beim Namen zu nennen. Für ihn gab es keine sterbliche Hülle, die man abstreift. Weil danach nichts mehr ist. Wir sind unsere sterbliche Hülle. That’s it. Die nackte, nüchterne Wahrheit. Stantons Schauspielkunst in nahezu 200 Film- und Fernsehrollen unterstreicht, dass ihm eines wichtig war: die Suche nach der Wahrheit. Der Wahrheit seiner Figuren, der Wahrheit der Geschichten, in denen sie sich bewegen, der Wahrheit einer Welt, die Nichts ist und nicht mehr und nicht weniger.

Zeit seines Lebens hat Harry Dean Stanton, und das erscheint wirklich unfassbar bei einem Schauspieler, der so prägend und unvergesslich und einzigartig war, nur in zwei Filmen die Hauptrolle gespielt: PARIS, TEXAS von Wim Wenders, der Film, für den man Stanton in Deutschland zweifellos am besten kennt, und LUCKY, sein letzter großer Film. Bezeichnenderweise beides Filme, die in der Wüste spielen, die Stantons natürliches Lebensgebiet zu sein scheint, so ausgedörrt ledrig und ausgemergelt er aussieht, wie einer dieser Riesenkakteen, die Wind und Wetter und Hitze und Dürre standhalten müssen. „Seine Traurigkeit scheint tief in ihn eingebrannt, als würde er regelmäßig in Tränen ausbrechen“, steht in einem Porträt Stantons im Arena Magazine aus dem Jahr 1989 geschrieben. „Das scheint gut zu ihm zu passen, er ist der Säufer und Kiffer, ein urbaner Nomade, ein Stadtcowboy, und nunmehr auch Schüler des Buddhismus, Harry Dean ist der letzte der großen weißen Dharma-Bums. Was früher einmal Wut war, ist einem Bedauern gewichen. Den Stein kann man wahrscheinlich nur etwas glatter waschen (erst durch Fusel und nun durch Buddha), aber immerhin sind seine Kanten runder geworden.“

Harry Dean Stanton verkörpert das andere Amerika. Das Amerika, das man aus dem Kino kennt und das so ist, wie es sein soll, wie man es aus aberhundert Western gelernt hat. Aber es ist ein Amerika, das zu viel weiß über das andere Amerika, das wahre Amerika, in dem nur das Geld zählt und der Mensch Verhandlungsmasse ist. Deshalb kann es nicht fröhlich sein, nicht stolz, nicht entspannt. Collin Souter schreibt über Harry Dean Stanton: „Er war der Cop, das Wrack, der Anführer, der Weltallreisende, der Betrüger, der Einzelgänger, der Cowboy, der Poet, der Säufer, der Vater, der entfremdete Bruder. Man muss ihn nur ansehen und man weiß sofort, dass er sowohl ein Sucher ist wie auch ein Mann, der alle Antworten kennt. Ein Wanderer und ein Mann, der angekommen ist.“ Da steckt immer eine Sehnsucht drin, wenn man Stanton in seinen Filmen sieht. Beinahe täglich gibt es neue Perlen der Weisheit aus seinem Mund oder von anderen Menschen, die über ihn reden. Und alle wünschen sich so zu sein wie er, dieser Mann, der nicht an Gott und ein Leben nach dem Tod glauben will und deshalb das Leben so sehr liebt. Man muss sich nur LUCKY ansehen, und man weiß warum. „Es gibt keinen, der so ist wie er“, sagt David Lynch, der Harry Dean Stanton immer wieder besetzt hat – u. a. in THE STRAIGHT STORY – und in LUCKY seinem Freund die Ehre erweist, neben ihm vor der Kamera zu stehen. „Ich überlege mir, wer sonst die Rollen spielen könnte, die er spielt. Es fällt mir nur niemand ein.“

Im Gespräch mit dem Regisseur John Carroll Lynch

Stand schon beim Verfassen des Drehbuchs fest, dass Harry Dean Stanton die Titelfigur spielen sollte – oder wie konnten Sie ihn von der Mitwirkung überzeugen?

Die Geschichte wurde hundertprozentig für Harry Dean geschrieben. Sie ist ein Liebesbrief an den Schauspieler und den Menschen. In seiner Essenz ist das Drehbuch biographisch. Luckys Geschichten und sein Verhalten beziehen sich auf Harrys Leben.

Wir empfanden es als eine große Verantwortung, für den Film aus Harrys Leben und seinen Begegnungen mit anderen Menschen zu schöpfen, die Geschichte eines Mannes, dem urplötzlich unmissverständlich klar wird, dass sein Leben eher nur noch Wochen oder Monate dauern wird und nicht mehr Jahre oder sogar Jahrzehnte. Der Film musste auch Luckys Reise von Etwas zu Nichts widerspiegeln, aber nicht durch ein Abhaken letzter Wünsche. Keine Banküberfälle, keine Sprünge aus Flugzeugen. Das sind zwar dramatische Ereignisse, sie haben aber doch nicht wirklich etwas mit den Erfahrungen zu tun, wie die meisten von uns sie machen. Wir verändern uns von innen und nicht von außen heraus. Aber vor allem wollten wir Harry feiern, ihm ein Denkmal setzen. Deshalb steht im Vorspann auch „Harry Dean Stanton ist Lucky“.

Beschreiben Sie, wie Sie bei der Auswahl der Nebendarsteller vorgingen. Wie gelang es Ihnen, eine so namhafte Besetzung zu versammeln?

David Lynch und Ed Begley kamen an Bord, weil sie schon seit Jahren enge Verbündete von Harry waren. Auch ihre Figuren wurden mit ihnen im Hinterkopf geschrieben. Logan ist es zu verdanken, dass das geklappt hat. Die Besetzung der anderen Figuren würde ich als Rolodex-Casting bezeichnen. Mit Ron Livingston, Barry Shabaka Henley und Beth Grant hatte ich bereits gearbeitet. Bertilla Damas ist eine Bekannte von mir. Ira Baer wiederum kannte James Darren. Hugo Armstrong ist ein guter Freund von Drago. Yvonne trafen wir durch andere Unterstützer des Projekts. Weitere Darsteller kamen durch ganz normales Casting dazu. Ich stelle mir vor, dass die Aussicht darauf, Harry Dean feiern zu können, eine gewisse Anziehungskraft besaß. Zumindest für mich war das so.

Wie war für Sie der Wechsel hinter die Kamera?

Ich hatte mir schon lange vorgenommen, einmal Regie zu führen. Ich war unglaublich dankbar, dass Drago und Logan mir den Film angeboten haben. Sie haben mir viel Vertrauen entgegengebracht. Ich habe mich schon immer dafür interessiert, als Schauspieler über meinen Tellerrand hinaus zu schauen. Ich will die ganze Geschichte verstehen, alle Abläufe, ich habe Film auch als Geschichtenerzähler studiert. Die Lernkurve war, wie ich festgestellt habe, als würde man einen Achttausender im Himalaya erklimmen.

Sie sitzen nicht nur zum ersten Mal auf dem Regiestuhl, in LUCKY haben Sie einen berühmt-berüchtigten Regisseur, der für Sie vor der Kamera steht. Wie war die Arbeit mit David Lynch?

David war großzügig, aufmerksam, unterstützend, gut vorbereitet und zu allem bereit. Es war deutlich, dass er nichts anderes wollte, als nur als Schauspieler aufzutreten. Ich denke mir, dass er als Schauspieler so war, wie er es sich als Regisseur immer von seinen Schauspielern erhofft. Und ich habe an den Tagen, an denen er bei uns war, viel darüber gelernt, wie sich ein Schauspieler am Set verhält.

Es gab da einen Moment, an dem Harry mit einer Textstelle rang. Ich versuchte ihm zu erklären, warum diese Worte an der Stelle goldrichtig waren. Harry war nicht überzeugt. Wie das immer wieder bei einem Dreh passiert, wandte sich ein Schauspieler an den anderen, um gewisse Dinge zu klären. In diesem Fall war das David Lynch. Harry wandte sich an David und fragte ihn: „Verstehst du das?“ Und David sagte: „Ja, Harry.“ Harry sagte: „Was zum Teufel soll es bedeuten?“ David sah mich an und ich meinte: „Erklär es ihm ruhig.“ Er wandte sich wieder an Harry und sagte ganz ruhig und nachdrücklich: „Es steht mir nicht zu, das zu sagen, Harry.“ Wow. Ich war beeindruckt davon, wie respektvoll er war und wie wichtig es ihm war, dass ich derjenige sein müsste, der die Situation klärt. Harry spielte den Moment, wie er im Drehbuch stand, und wir machten weiter. Das war sehr cool.

Ach ja, später im Schneideraum stellte ich dann fest, dass Harry Recht gehabt hatte. Wir brauchten diesen Satz tatsächlich nicht. Ich habe ihn herausgeschnitten. Harry wusste schon, was Sache war!

Lucky lässt sich als Einzelgänger beschreiben, aber die Menschen in seinem Dorf haben ihn trotzdem in ihr Herz geschlossen. Wie würden Sie beschreiben, wie Lucky sein Leben sieht?

Auf gewisse Weise kommt es mir so vor, dass die Stadt Lucky besser versteht als Lucky sich selbst. Er hält sich für eine Insel. Und bis unsere Geschichte einsetzt, empfindet er sich selbst nicht als Teil der Gemeinde. Und das, obwohl er das eigentlich immer schon war. Es ist diese Illusion der Unabhängigkeit, an die wir uns alle klammern. Er geht jeden Tag durch die Stadt, und jeder kennt ihn und hat Gefühle für ihn. Auch wenn er selbst nur wenig oder gar nichts für sie empfindet. Er ist ein bisschen wie Boo Radley.

Wo wurde der Film gedreht?

Wir wollten, dass Harry jede Nacht in seinem eigenen Bett schlafen konnte. Wir drehten also in der Wüste nördlich von Los Angeles. Dann hatten wir noch einen Drehtag in Cave Creek, Arizona, um die Aufnahmen der Wüste und der Riesenkakteen unter Dach und Fach zu bekommen. Und der Schildkröte. Und der Riesenkakteen. Und der Schildkröte.

Cast & Crew

BESETZUNG

  • Lucky - HARRY DEAN STANTON
  • Howard - DAVID LYNCH
  • Bobby Lawrence - RON LIVINGSTON
  • Dr. Kneedler - ED BEGLEY, JR.
  • Fred - TOM SKERRITT
  • Joe - BARRY SHABAKA HENLEY
  • Paulie - JAMES DARREN
  • Elaine - BETH GRANT

STAB

  • Regie - JOHN CARROLL LYNCH
  • Drehbuch - LOGAN SPARKS, DRAGO SUMONJA
  • Kamera - TIM SUHRSTEDT
  • Szenenbild - ALMITRA COREY
  • Schnitt - SLOBODAN GAJIC
  • Produzenten - GREG GILREATH, ADAM HENDRICKS, JOHN LANG, LOGAN SPARKS, DRAGO SUMONJA, DANIELLE RENFREW BEHRENS, IRA STEVEN BEHR, RICHARD KAHAN
Ab 8. März im Kino
„Ein wundervoller Film
über alles, was wichtig ist.“
VARIETY
„LUCKY feiert das Leben.“
FAZ
„Witzig, lakonisch und
erfüllt von bärbeißiger Romantik.“
PROGRAMMKINO.DE
„Eine kluge und wehmütige Liebes-
erklärung von einem bemerkenswerten
Schauspieler an einen anderen.“
INDIEWIRE

Lucky ist ein 90-jähriger Eigenbrötler, Atheist und Freigeist. Er lebt in einem verschlafenen Wüstenstädtchen im amerikanischen Nirgendwo und verbringt seine Tage mit bewährten Ritualen – Yoga und Eiskaffee am Morgen, philosophische Gespräche bei Bloody Mary am Abend. Bis er sich nach einem kleinen Unfall seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Zeit dem Leben noch einmal auf den Zahn zu fühlen.

Voller lakonischem Humor und Country-Song-Melancholie ist LUCKY eine rührende Hommage an den Hauptdarsteller Harry Dean Stanton, gespickt mit liebenswert, skurrilen Nebenfiguren (u. a. gespielt von David Lynch). Vor der weiten amerikanischen Landschaft inszeniert Schauspieler John Carroll Lynch in seinem Regiedebüt einen poetischen Film, der das Leben feiert.

Warum Harry Dean Stanton Kult ist

„Nichts ist für die Ewigkeit.“
Harry Dean Stanton

Ganz am Ende von THE STRAIGHT STORY, nach zweistündiger Reise durch das Hinterland Nordamerikas, kommt der von Richard Farnsworth gespielte Endsiebziger Alvin an seinem Ziel an. Er ist auf seinem Rasenmäher in Iowa aufgebrochen, um nach Wisconsin zu fahren. Dort lebt sein Bruder Lyle, der krank sein soll und mit dem Alvin seit Jahren kein Wort mehr gesprochen hat. Er will Verpasstes nachholen, Zerbrochenes wieder richten, bevor es zu spät ist. Bis zu dieser letzten Szene hat man den Bruder nicht gesehen. Man weiß nicht, ob Alvin ihn vorfinden wird, ob Lyle überhaupt noch lebt und wenn ja, wie er reagieren wird. Und dann ist Alvin am Ziel und sieht die kleine Hütte seines Bruders. Er ruft Lyles Namen und kann nicht fassen, dass er tatsächlich eine Antwort erhält. Jetzt sehen wir Lyle zum ersten Mal. Er wird von Harry Dean Stanton gespielt. Anders als wir hat er Alvin nicht auf seiner unglaublichen Reise begleitet, kann er unmöglich wissen, was der alte und gebrechliche Mann alles durchgemacht hat, um seinem Bruder wieder nahe sein zu können. Die beiden Männer sitzen nebeneinander auf der Veranda und Lyle wirft nur einen kurzen Blick auf den Rasenmäher. Und in seinem Gesicht spielt sich in zwei Sekunden der komplette Film noch einmal ab. In diesem kurzen Augenblick gelingt es Harry Dean Stanton, mit zwei oder drei Sätzen und ansonsten nur mit seinen Augen, alles zu erzählen, was man wissen muss.

Ein ganzer Film in einem traurigen, wehmütigen Blick. Diese Art von Schauspieler war Harry Dean Stanton, der am 15. September 2017 im Alter von 91 Jahren gestorben ist und der in LUCKY nicht einfach nur ein letztes Mal groß aufspielt, sondern in einem Film alles noch einmal zusammenfasst, was ihn seine gesamte Karriere über geprägt und ausgezeichnet hat. Man solle es ganz nüchtern einfach nur Sterben nennen, meint LUCKY-Regisseur John Carroll Lynch, weil Harry Dean Stanton es genauso nüchtern empfunden habe. Er mochte es nicht, Dinge nicht beim Namen zu nennen. Für ihn gab es keine sterbliche Hülle, die man abstreift. Weil danach nichts mehr ist. Wir sind unsere sterbliche Hülle. That’s it. Die nackte, nüchterne Wahrheit. Stantons Schauspielkunst in nahezu 200 Film- und Fernsehrollen unterstreicht, dass ihm eines wichtig war: die Suche nach der Wahrheit. Der Wahrheit seiner Figuren, der Wahrheit der Geschichten, in denen sie sich bewegen, der Wahrheit einer Welt, die Nichts ist und nicht mehr und nicht weniger.

Zeit seines Lebens hat Harry Dean Stanton, und das erscheint wirklich unfassbar bei einem Schauspieler, der so prägend und unvergesslich und einzigartig war, nur in zwei Filmen die Hauptrolle gespielt: PARIS, TEXAS von Wim Wenders, der Film, für den man Stanton in Deutschland zweifellos am besten kennt, und LUCKY, sein letzter großer Film. Bezeichnenderweise beides Filme, die in der Wüste spielen, die Stantons natürliches Lebensgebiet zu sein scheint, so ausgedörrt ledrig und ausgemergelt er aussieht, wie einer dieser Riesenkakteen, die Wind und Wetter und Hitze und Dürre standhalten müssen. „Seine Traurigkeit scheint tief in ihn eingebrannt, als würde er regelmäßig in Tränen ausbrechen“, steht in einem Porträt Stantons im Arena Magazine aus dem Jahr 1989 geschrieben. „Das scheint gut zu ihm zu passen, er ist der Säufer und Kiffer, ein urbaner Nomade, ein Stadtcowboy, und nunmehr auch Schüler des Buddhismus, Harry Dean ist der letzte der großen weißen Dharma-Bums. Was früher einmal Wut war, ist einem Bedauern gewichen. Den Stein kann man wahrscheinlich nur etwas glatter waschen (erst durch Fusel und nun durch Buddha), aber immerhin sind seine Kanten runder geworden.“

Harry Dean Stanton verkörpert das andere Amerika. Das Amerika, das man aus dem Kino kennt und das so ist, wie es sein soll, wie man es aus aberhundert Western gelernt hat. Aber es ist ein Amerika, das zu viel weiß über das andere Amerika, das wahre Amerika, in dem nur das Geld zählt und der Mensch Verhandlungsmasse ist. Deshalb kann es nicht fröhlich sein, nicht stolz, nicht entspannt. Collin Souter schreibt über Harry Dean Stanton: „Er war der Cop, das Wrack, der Anführer, der Weltallreisende, der Betrüger, der Einzelgänger, der Cowboy, der Poet, der Säufer, der Vater, der entfremdete Bruder. Man muss ihn nur ansehen und man weiß sofort, dass er sowohl ein Sucher ist wie auch ein Mann, der alle Antworten kennt. Ein Wanderer und ein Mann, der angekommen ist.“ Da steckt immer eine Sehnsucht drin, wenn man Stanton in seinen Filmen sieht. Beinahe täglich gibt es neue Perlen der Weisheit aus seinem Mund oder von anderen Menschen, die über ihn reden. Und alle wünschen sich so zu sein wie er, dieser Mann, der nicht an Gott und ein Leben nach dem Tod glauben will und deshalb das Leben so sehr liebt. Man muss sich nur LUCKY ansehen, und man weiß warum. „Es gibt keinen, der so ist wie er“, sagt David Lynch, der Harry Dean Stanton immer wieder besetzt hat – u. a. in THE STRAIGHT STORY – und in LUCKY seinem Freund die Ehre erweist, neben ihm vor der Kamera zu stehen. „Ich überlege mir, wer sonst die Rollen spielen könnte, die er spielt. Es fällt mir nur niemand ein.“

Im Gespräch mit dem Regisseur John Carroll Lynch

Stand schon beim Verfassen des Drehbuchs fest, dass Harry Dean Stanton die Titelfigur spielen sollte – oder wie konnten Sie ihn von der Mitwirkung überzeugen?

Die Geschichte wurde hundertprozentig für Harry Dean geschrieben. Sie ist ein Liebesbrief an den Schauspieler und den Menschen. In seiner Essenz ist das Drehbuch biographisch. Luckys Geschichten und sein Verhalten beziehen sich auf Harrys Leben.

Wir empfanden es als eine große Verantwortung, für den Film aus Harrys Leben und seinen Begegnungen mit anderen Menschen zu schöpfen, die Geschichte eines Mannes, dem urplötzlich unmissverständlich klar wird, dass sein Leben eher nur noch Wochen oder Monate dauern wird und nicht mehr Jahre oder sogar Jahrzehnte. Der Film musste auch Luckys Reise von Etwas zu Nichts widerspiegeln, aber nicht durch ein Abhaken letzter Wünsche. Keine Banküberfälle, keine Sprünge aus Flugzeugen. Das sind zwar dramatische Ereignisse, sie haben aber doch nicht wirklich etwas mit den Erfahrungen zu tun, wie die meisten von uns sie machen. Wir verändern uns von innen und nicht von außen heraus. Aber vor allem wollten wir Harry feiern, ihm ein Denkmal setzen. Deshalb steht im Vorspann auch „Harry Dean Stanton ist Lucky“.

Beschreiben Sie, wie Sie bei der Auswahl der Nebendarsteller vorgingen. Wie gelang es Ihnen, eine so namhafte Besetzung zu versammeln?

David Lynch und Ed Begley kamen an Bord, weil sie schon seit Jahren enge Verbündete von Harry waren. Auch ihre Figuren wurden mit ihnen im Hinterkopf geschrieben. Logan ist es zu verdanken, dass das geklappt hat. Die Besetzung der anderen Figuren würde ich als Rolodex-Casting bezeichnen. Mit Ron Livingston, Barry Shabaka Henley und Beth Grant hatte ich bereits gearbeitet. Bertilla Damas ist eine Bekannte von mir. Ira Baer wiederum kannte James Darren. Hugo Armstrong ist ein guter Freund von Drago. Yvonne trafen wir durch andere Unterstützer des Projekts. Weitere Darsteller kamen durch ganz normales Casting dazu. Ich stelle mir vor, dass die Aussicht darauf, Harry Dean feiern zu können, eine gewisse Anziehungskraft besaß. Zumindest für mich war das so.

Wie war für Sie der Wechsel hinter die Kamera?

Ich hatte mir schon lange vorgenommen, einmal Regie zu führen. Ich war unglaublich dankbar, dass Drago und Logan mir den Film angeboten haben. Sie haben mir viel Vertrauen entgegengebracht. Ich habe mich schon immer dafür interessiert, als Schauspieler über meinen Tellerrand hinaus zu schauen. Ich will die ganze Geschichte verstehen, alle Abläufe, ich habe Film auch als Geschichtenerzähler studiert. Die Lernkurve war, wie ich festgestellt habe, als würde man einen Achttausender im Himalaya erklimmen.

Sie sitzen nicht nur zum ersten Mal auf dem Regiestuhl, in LUCKY haben Sie einen berühmt-berüchtigten Regisseur, der für Sie vor der Kamera steht. Wie war die Arbeit mit David Lynch?

David war großzügig, aufmerksam, unterstützend, gut vorbereitet und zu allem bereit. Es war deutlich, dass er nichts anderes wollte, als nur als Schauspieler aufzutreten. Ich denke mir, dass er als Schauspieler so war, wie er es sich als Regisseur immer von seinen Schauspielern erhofft. Und ich habe an den Tagen, an denen er bei uns war, viel darüber gelernt, wie sich ein Schauspieler am Set verhält.

Es gab da einen Moment, an dem Harry mit einer Textstelle rang. Ich versuchte ihm zu erklären, warum diese Worte an der Stelle goldrichtig waren. Harry war nicht überzeugt. Wie das immer wieder bei einem Dreh passiert, wandte sich ein Schauspieler an den anderen, um gewisse Dinge zu klären. In diesem Fall war das David Lynch. Harry wandte sich an David und fragte ihn: „Verstehst du das?“ Und David sagte: „Ja, Harry.“ Harry sagte: „Was zum Teufel soll es bedeuten?“ David sah mich an und ich meinte: „Erklär es ihm ruhig.“ Er wandte sich wieder an Harry und sagte ganz ruhig und nachdrücklich: „Es steht mir nicht zu, das zu sagen, Harry.“ Wow. Ich war beeindruckt davon, wie respektvoll er war und wie wichtig es ihm war, dass ich derjenige sein müsste, der die Situation klärt. Harry spielte den Moment, wie er im Drehbuch stand, und wir machten weiter. Das war sehr cool.

Ach ja, später im Schneideraum stellte ich dann fest, dass Harry Recht gehabt hatte. Wir brauchten diesen Satz tatsächlich nicht. Ich habe ihn herausgeschnitten. Harry wusste schon, was Sache war!

Lucky lässt sich als Einzelgänger beschreiben, aber die Menschen in seinem Dorf haben ihn trotzdem in ihr Herz geschlossen. Wie würden Sie beschreiben, wie Lucky sein Leben sieht?

Auf gewisse Weise kommt es mir so vor, dass die Stadt Lucky besser versteht als Lucky sich selbst. Er hält sich für eine Insel. Und bis unsere Geschichte einsetzt, empfindet er sich selbst nicht als Teil der Gemeinde. Und das, obwohl er das eigentlich immer schon war. Es ist diese Illusion der Unabhängigkeit, an die wir uns alle klammern. Er geht jeden Tag durch die Stadt, und jeder kennt ihn und hat Gefühle für ihn. Auch wenn er selbst nur wenig oder gar nichts für sie empfindet. Er ist ein bisschen wie Boo Radley.

Wo wurde der Film gedreht?

Wir wollten, dass Harry jede Nacht in seinem eigenen Bett schlafen konnte. Wir drehten also in der Wüste nördlich von Los Angeles. Dann hatten wir noch einen Drehtag in Cave Creek, Arizona, um die Aufnahmen der Wüste und der Riesenkakteen unter Dach und Fach zu bekommen. Und der Schildkröte. Und der Riesenkakteen. Und der Schildkröte.

Cast & Crew

BESETZUNG

  • Lucky - HARRY DEAN STANTON
  • Howard - DAVID LYNCH
  • Bobby Lawrence - RON LIVINGSTON
  • Dr. Kneedler - ED BEGLEY, JR.
  • Fred - TOM SKERRITT
  • Joe - BARRY SHABAKA HENLEY
  • Paulie - JAMES DARREN
  • Elaine - BETH GRANT

STAB

  • Regie - JOHN CARROLL LYNCH
  • Drehbuch - LOGAN SPARKS, DRAGO SUMONJA
  • Kamera - TIM SUHRSTEDT
  • Szenenbild - ALMITRA COREY
  • Schnitt - SLOBODAN GAJIC
  • Produzenten - GREG GILREATH, ADAM HENDRICKS, JOHN LANG, LOGAN SPARKS, DRAGO SUMONJA, DANIELLE RENFREW BEHRENS, IRA STEVEN BEHR, RICHARD KAHAN